Mindset

UND EINES TAGES WERDEN WIR ALT SEIN

November 15, 2017
Eines Tages werden wir alt sein

Heute kommt ein etwas anderer Beitrag.
Worte, die mich wahnsinnig berühren.
Bei denen ich jedes Mal Gänsehaut bekomme,
wenn ich sie lese oder sie mir anhöre.

Julia Engelmann spricht mir aus dem Herzen.
Und viel mehr möchte ich gar nicht dazu sagen,
weil die Worte sprechen für sich.
Außer: bitte lest es bis zum Schluss:

UND EINES TAGES, BABY, WERDEN WIR ALT SEIN

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein.
Oh Baby, werden wir alt sein

und an all die Geschichten denken,
die wir hätten erzählen können.

Ich, ich bin der Meister der Streiche,
wenn´s um Selbstbetrug geht.

Bin ein Kleinkind vom Feinsten,
wenn ich vor Aufgaben steh.

Bin ein entschleunigtes Teilchen,
kann auf keinstem was reißen,

lass mich begeistern für Leichtsinn –
wenn ein anderer ihn lebt.

Und ich denke zu viel nach.
Ich warte zu viel ab.
Ich nehm mir zu viel vor –
und ich mach davon zu wenig.
Ich halt mich zu oft zurück –
ich zweifel alles an,
ich wäre gern klug,
allein das ist ziemlich dämlich.

Ich würd gern so vieles sagen
aber bleibe meistens still,
weil, wenn ich das alles sagen würde,
wär das viel zu viel.
Ich würde gern so vieles tun,
meine Liste ist so lang,
aber ich werde eh nie alles schaffen –
also fange ich gar nicht an.

Stattdessen hänge ich planlos vorm Smartphone,
warte bloß auf den nächsten Freitag.
Ach, das mach ich später,
ist die Baseline meines Alltags.

Ich bin so furchtbar faul
wie ein Kieselstein am Meeresgrund.
Ich bin so furchtbar faul,
mein Patronus ist ein Schweinehund.
Mein Leben ist ein Wartezimmer,
niemand ruft mich auf.
Mein Dopamin, das spare ich immer –
falls ich´s nochmal brauch.

Und eines Tages, Baby, werde ich alt sein. Oh Baby, werde ich alt sein
und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.

Und Du? Du murmelst jedes Jahr neu an Silvester
die wiedergleichen Vorsätze treu in dein Sektglas
und Ende Dezember stellst Du fest, das du Recht hast,
wenn Du sagst, dass Du sie dieses Jahr schon wieder vercheckt hast.

Dabei sollte für Dich 2013 das erste Jahr vom Rest deines Lebens werden.
Du wolltest abnehmen,
früher aufstehen,
öfter rausgehen,
mal deine Träume angehen,
mal die Tagesschau sehen,
für mehr Smalltalk, Allgemeinwissen.
Aber so wie jedes Jahr,
obwohl Du nicht damit gerechnet hast,
kam Dir wieder mal dieser Alltag dazwischen.

Unser Leben ist ein Wartezimmer,
niemand ruft uns auf.
Unser Dopamin das sparen wir immer,
falls wir´s nochmal brauchen.

Und wir sind jung und haben viel Zeit.
Warum sollen wir was riskieren,
wir wollen doch keine Fehler machen,
wollen auch nichts verlieren.
Und es bleibt soviel zu tun,
unsere Listen bleiben lang
und so geht Tag für Tag
ganz still ins unbekannte Land.

Und aus 
“hach, das mach ich später” wird
“hach, das mach ich später” wird
“hach, das mach ich später” wird
wird jetzt.

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein.
Oh Baby, werden wir alt sein,

und an all die Geschichten denken,
die wir hätten erzählen können

und die Geschichten, die wir dann stattdessen erzählen werden,
traurige Konjunktive sein, so wie

„Einmal wär ich fast einen Marathon gelaufen
und hätte fast die Buddenbrooks gelesen
und einmal wäre ich beinah bis die Wolken wieder lila waren noch wach gewesen
und fast, fast hätten wir uns mal demaskiert und gesehen,
wir sind die Gleichen,

und dann hätten wir uns fast gesagt,
wie viel wir uns bedeuten.“

Werden wir sagen.

Und das wir bloß faul und feige waren,
das werden wir verschweigen,
und uns heimlich wünschen,
noch ein bisschen hier zu bleiben.

Und wenn wir dann alt sind
und unsere Tage knapp,
und das wird sowieso passieren,
dann erst werden wir kapieren,
wir hatten nie was zu verlieren –
denn das Leben, das wir führen wollen,
das können wir selber wählen.

Also los – schreiben wir Geschichten,
die wir später gern erzählen.
Lass uns nachts lange wach bleiben,
auf´s höchste Hausdach der Stadt steigen,
lachend und vom Takt frei die allertollsten Lieder singen.
Lass uns Feste wie Konfetti schmeißen,
sehen, wie sie zu Boden reisen
und die gefallenen Feste feiern,
bis die Wolken wieder lila sind.
Und lass mal an uns selber glauben,
ist mir egal, ob das verrückt ist,
denn wer genau guckt, sieht,
dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist.
Und – wer immer wir auch waren –
lass mal werden wer wir sein wollen.
Wir haben schon viel zu lang gewartet,
lass mal Dopamin vergeuden.

„Der Sinn des Lebens ist leben“,
das hat schon Casper gesagt,
„let´s make the most of the night“,
das hat schon Kesha gesagt.
Lass uns möglichst viele Fehler machen,
und möglichst viel aus ihnen lernen.
Lass uns jetzt schon Gutes sähen,
damit wir später Gutes ernten.
Lass uns alles tun,
weil wir können – und nicht müssen.
Denn jetzt sind wir jung und lebendig,
und das soll ruhig jeder wissen.
Lass uns uns mal demaskieren

und dann sehen, wir sind die Gleichen,
und dann können wir uns ruhig sagen,
dass wir uns viel bedeuten,
denn – unsere Zeit die geht vorbei.
Das wird sowieso passieren,
doch bis dahin sind wir frei
und es gibt nichts zu verlieren.
Denn das Leben, das wir führen wollen,
das können wir selber wählen.

Also los, schreiben wir Geschichten,
die wir später gern erzählen.

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein.
Oh Baby, werden wir alt sein

und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind.

Alles Liebe,

Simone

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4 Comments

  • Reply Marion November 15, 2017 at 14:31

    Gänsehaut pur und so viele Sätze passen auf das eigene Leben. Danke schön für diesen tollen Text und die Erinnerung daran das wir nur dieses eine Leben haben. Liebe Grüße Marion

    • mm
      Reply Simone November 20, 2017 at 14:00

      Schön, dass es auch dich berührt hat. Ich finde den Text auch so schön passend und wachrüttelnd 🙂
      Alles Liebe,
      Simone

  • Reply Anne November 17, 2017 at 10:35

    Ich liebe die Texte von Julia Engelmann ♥
    So berührend und so zum Nachdenken anregend!
    Ich hoffe ja unbedingt, zu ihrer Liveshow nächstes Jahr zu gehen!

    Liebe Grüße
    Anne

    • mm
      Reply Simone November 20, 2017 at 14:01

      ja, ich liebe sie auch. Ein Traum<3
      Ich würd sie auch unheimlich gern mal live sehen. Das werden wir auch bestimmt 😉

      Alles Liebe,
      Simone

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